Nicht nur Menschen haben Stress ...

Biologie des Stresses

 

Stress ist wichtig, um den Körper auf Flucht oder Kampf optimal vorzubereiten. Dabei wird alle mögliche Energie in die Muskeln und das Herz-Kreislauf-System weitergeleitet.

Unbenötigte Organe werden nur noch teilweise oder gar nicht mehr versorgt, wie z.B. Verdauung, Sexualorgane. Die Reizschwelle sinkt, das Schmerzempfinden wird vermindert (Adrenalin).

Das Lernen wird ausgeschaltet, die Großhirnrinde ist „vorübergehend geschlossen".

Erlerntes kann daher auch nicht mehr abgerufen werden, der Hund ist nicht mehr ansprechbar.

 

Die drei Phasen der Stressentwicklung

1) Die Alarmphase: Der Körper erkennt die Stresssituation und bereitet sich darauf vor. Es kommt zur Ausschüttung von diversen Stresshormonen. Die Atmung ist beschleunigt, der Blutzuckerspiegel erhöht. Der Hund fängt an zu hecheln, sabbert, hat Herzrasen, erweiterte Pupillen und blasse Mundschleimhäute. Die Verdauung ist gebremst, dies führt häufig zu dünnem, breiigem oder wässrigem Kot.

 

2) Die Widerstandphase: Der Körper versucht nach einiger Zeit, eine Gegenreaktion zu starten, um den hohen Energieverbrauch zu senken. Die Bronchien ziehen sich zusammen, der Speichelfluss ist verstärkt, Magen, Darm und Blase arbeiten intensiver. Der Hund muß sich lösen, was sich durch häufiges Urinieren und Koten bemerkbar macht.

3) Die Erschöpfungsphase: Dadurch können bereits gesundheitliche Störungen entstehen. Jetzt wird es gefährlich. Besonders schlimm wird es, wenn sich eine Stress-Pyramide aufbaut, wenn der Stress mehrere Ursachen und Auslöser gleichzeitig hat. Das Hormonsystem gerät völlig außer Kontrolle. Aufgrund des gestörten Hormonhaushaltes kommt es dann zu körperlichen Ausfällen (Herzinfarkt, Magen-Darm-Beschwerden, Verdauungsprobleme, übersteigertes aggressives Verhalten, Haut- und

Man unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Stressformen:

1. Eustress = positiv
Sorgt für hohe Leistungsbereitschaft
mobilisiert und bündelt Kräfte
kurzfristiger Stress
kurzfristige Erholungsphase nötig

2. Distress = negativ

langfristiger Stress

lange Erholungsphasen nötig

ist sehr belastend für den Körper

führt bei langer Dauer zu Krankheiten

 

 

Wichtig! Der Körper unterscheidet nicht zwischen positiven (Freude) und negativen (Schmerz) Stress! Jegliche Aufregung verursacht die Ausschüttung der Stresshormone.

 

 

 

Was kann Stress auslösen?

Unbekannte Reize                                            Alleine bleiben

Angst                                                               Unsicherheit

Unkontrollierbare Umwelt                                 Schmerzen

Unterforderung                                                Überforderung

Tierarztbesuch                                                 Lärm

Besuch                                                             Freude

Veränderte Familiensituation (Baby, Partnerwechsel, Umzug, Tod)

Nicht befriedigte körperliche Bedürfnisse (Hunger, Durst, Bewegung, Sex)

Soziale Isolation
reine Zwingerhaltung
Einzelhaltung ohne Kontakt zu Artgenossen
Ablehnung durch andere Hunde oder Menschen, die mit im Haushalt leben!!
 

 

Sichtbare Signale des Hundes bei Stress

-      Gähnen

-      Pfote heben

-      Hecheln

-      Blinzeln

-      Hektisch werden

-      Urinieren, koten (oft Durchfall)

-      Erstarren

-      Bellen, jaulen, fiepen

-      Kamm aufstellen (deutet auf einen hohen Adrenalinspiegel hin „es stellen sich mir die

       Nackenhaare auf")

-      Aufreiten (hat oftmals nichts mit Dominanz zu tun!!)

-      Schuppenbildung

-      Extremer, plötzlicher Haarausfall

-      Autoaggression (der Hund verletzt sich selbst)

-      Rückgerichtete Aggression (beisst in die Leine oder andere Hunde oder Menschen)

-      Große Pupillen

-      Blutunterlaufene Augenschleimhäute

-      Helle Schleimhäute im Maul

-      Muskelverkrampfungen (steifbeiniges Laufen)

-      Kann kein Futter mehr nehmen

-      Schnappt heftig nach dem Futter

-      Hat erhöhtes Kaubedürfnis (zerlegt Stöcke, beisst in die Leine bzw. ins Bein...,

       zerlegt die Wohnungseinrichtung)

-      Extremes Trinken

-      Extremes Fressen

-      Futterverweigerung

 

 

Unsichtbare Signale des Hundes bei Stress

 

-      erhöhter Puls und Herzschlag

-      Ausschüttung von  Stresshormonen

-      Lernblockaden (Teile des Gehirns sind vorübergehend nicht erreichbar)

-      Wahrnehmung ist eingeschränkt (Hund stellt die Ohren auf Durchzug, nimmt Futter

        oder Bezugsperson nicht mehr wahr)

-      Haut ist extrem empfindlich (lässt sich deswegen auch nicht gerne anfassen)

 

 

Zusammenhang zwischen Stress- und

 

Schilddrüsenhormonen

 

Schilddrüsenhormone spielen im Stoffwechsel eine wichtige Rolle. Eine Störung dieser Hormone kann gravierende Folgen für das Verhalten und den Körper des Hundes haben. Erschwerend kommt hinzu, daß eine Störung der Schilddrüsenhormone ebenso viele Symptome wie Funktionen haben kann. Im Zusammenhang mit Stress ist es wichtig zu wissen, daß Stress so eine Störung zur Folge haben kann. Im umgekehrten Fall kann aber auch Stress die Produktion der Schilddrüsenhormone mindern.

Dieser Kreislauf ist nur schwer zu unterbrechen!

Bei Hunden die unter Stress leiden (egal aus welchem Grund) sollte IMMER ein Schilddrüsenprofil erstellt werden. Die Ermittlung der Schilddrüsenhormone erfolgt durch eine Blutabnahme durch den Tierarzt und eine Laboruntersuchung.

 

 

 

Umgang und Training mit einem gestressten

 

Hund

 

Übungen zur Erhöhung der Frustrationstoleranz sind eine gute Möglichkeit, den Hund auf ein stressiges Leben vorzubereiten. Unsere Hunde sind oft Situationen ausgesetzt, in denen sie nicht das tun können was sie gerne wollen. Die berühmte Begegnung zweier angeleinter Hunde ist wohl das beste Beispiel. Mit jeder Begegnung steigen die Stresshormone und der Körper hat keine Möglichkeit sie in ausreichender Menge wieder abzubauen...

Ebenso ist es für die Hunde sehr aufregend, wenn sie mit anderen Hunden freien Kontakt haben können. Oft entwickelt sich ein wildes Spiel. Unkontrollierte Ballspiele, bei denen der Hund einfach nur hetzt, erhöhen ebenfalls den Stresspegel. Auch durch diese Erregung werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet. Wir erinnern uns: Der Körper unterscheidet nicht zwischen positiven und negativen Stress! Es ist also unerheblich, ob der Hund sich freut oder angst hat. In beiden Fällen werden Stresshormone ausgeschüttet.

Ein wildes und langes Toben auf der Hundewiese ist mindestens ebenso stressig, wie ein Tierarztbesuch, eine wilde Rauferei oder der Gang durch die belebte Innenstadt.

Auch das Verarbeiten von Misserfolgen ohne das Empfinden von Frust bedarf der Übung!

Das Prinzip der positiven Bestärkung (z.B. Clickertraining, Arbeit mit Markersignalen) ist eine besonders gute Möglichkeit, dies zu trainieren. Der Hund lernt durch Erfolg und Misserfolg. Er lernt, daß er bei einem Misserfolg nicht resignieren muß, sondern nach einer anderen Lösung suchen kann.

Der Hund lernt außerdem, dass er die Konsequenzen seines Verhaltens weitestgehend bestimmen kann. Dies gibt Sicherheit! Weiterhin wird die Kommunikation zwischen Hund und Mensch verbessert, was Vertrauen und damit noch einmal Sicherheit schafft. Ein liebevoller, verständnisvoller und geduldiger Umgang mit dem Hund sorgt weiterhin für Harmonie, was der Ausschüttung von Stresshormonen entgegenwirkt.

 

 

Bei Hunden, die bereits unter Stress leiden ist es ratsam, jeglichen vermeidbaren Stress zu umgehen. Dazu gehören Hunde aus zweiter Hand, Hunde aus dem Tierschutz, Hunde in der Jungendentwicklung (Beginn ca. 6. Monat, Ende je nach Rasse ca. 2-4 Jahre), Welpen die gerade den Besitzer wechseln, ängstliche und kranke Hunde.

Zur gezielten Stressvermeidung ist es wichtig zu wissen, welche Auslöser beim eigenen Hund für Stress sorgen. Für den besseren Überblick ist es sinnvoll, eine Liste mit allen Auslösern zu erstellen.

 

Management-Lösungen helfen, Stress zu umgehen. Diese Lösungen sind aber keine Dauerlösungen sondern helfen uns und dem Hund, ein gutes Training beginnen zu können.

 

Zu Management-Lösungen gehört z.B. auch

  • das Ausweichen bei Hundebegegnungen wenn der Hund angeleint aggressiv reagiert
  • das Vermeiden von unnötigen Spaziergängen wenn der Hund durch Umweltreize gestresst wird
  • das Verbringen des Hundes in einen anderen Raum bei Besuch, wenn der Hund gestresst auf Besucher reagiert
  • die Arbeit mit einem Kopfhalfter, wenn der Hund bei Stress so heftig reagiert, dass man ihn kaum noch halten kann

 

Der Einsatz eines Entspannungssignals (konditionierte Entspannung) kann aufkommenden Stress mildern. Hilfreich ist auch der Einsatz von bestimmten Düften, denn diese wirken ohne Umwege und ohne vorangehendes Training.

 

Weiterhin ist es wichtig, dass der Körper des Hundes ausreichend Möglichkeit zur Regeneration hat. Ein erwachsener Hund hat ein durchschnittliches Ruhebedürfnis von ca. 15-17 Stunden pro Tag! Wird dieses permanent unterschritten, entsteht langfristiger Stress. Es ist also wichtig, dem Hund auch einfach mal eine Pause zu gönnen!

Es gibt durchaus Hunde die bereits so gestresst sind, dass sie keine Ruhe mehr finden. Diesen Hunden muß man Ruhephasen sozusagen verordnen. Er wird dann weder von den Kindern noch von den erwachsenen Familienmitgliedern gestört!